"Vorlesen, duschen, lieben und noch ein bißchen beieinanderliegen", das ist das Ritual, das den 15jährigen Michael Berg und seine zwanzig Jahre ältere Geliebte Hanna verbindet. Doch die Geschichte einer Verführung, die so harmlos beginnt, spitzt sich auf ein brisantes Thema zu: Jahre später gibt es ein unerwartetes und erschreckendes Wiedersehen bei der Verhandlung der Auschwitzprozesse. Bernhard Schlink erzählt in seinem Roman "Der Vorleser", erschienen bei Diogenes, nicht nur die Geschichte von Michael Berg und der geheimnisvollen Hanna, sondern beschreibt auch den komplizierten Prozeß der Auseinandersetzung mit den Schatten der Vergangenheit. Zu erotischen Bade-Szenen kommt es am Anfang des eindrucksvollen Romans, der mittlerweile in über 30 Sprachen übersetzt wurde. Eingereicht hat uns diesen Beitrag unsere Userin Rebecca Zimplich.
Die Küche war der größte Raum der Wohnung. In ihr standen Herd und Spüle, Badewanne und Badeofen, ein Tisch und zwei Stühle, ein Küchenschrank, ein Kleiderschrank und eine Couch.
"Wie siehst du aus, Jungchen, wie siehst du aus!" Dann sah auch ich mein schwarzes Gesicht im Spiegel über der Spüle und lachte mit.
"So kannst du nicht nach Hause. Ich laß dir ein Bad einlaufen und klopf deine Sachen aus." Sie ging zur Wanne und drehte den Hahn auf. Das Wasser rauschte dampfend in die Wanne. "Zieh deine Sachen vorsichtig aus, ich brauch den Staub nicht in der Küche."
Ich zögerte, zog Pullover und Hemd aus und zögerte wieder. Das Wasser stieg schnell, und die Wanne war fast voll.
"Willst du mit Schuhen und Hose baden? Jungchen, ich schau nicht hin." Aber als ich den Hahn zugedreht und auch die Unterhose ausgezogen hatte, musterte sie mich ruhig. Ich wurde rot, stieg in die Wanne und tauchte unter.
Sie warf mir nur einen raschen Blick zu. "Nimm das Shampoo und wasch dir auch die Haare. Ich bring dir gleich das Frottiertuch." ........Ich wusch mich. Das Wasser in der Wanne war schmutzig, und ich ließ frisches zulaufen.......Dann lag ich da, hörte den Badeofen bullern, spürte im Gesicht die kühle Luft, die durch die spaltoffene Küchentür kam, und am Körper das warme Wasser.
Ich sah nicht auf, als sie in die Küche kam, erst als sie vor der Wanne stand. Mit ausgebreiteten Armen hielt sie ein großes Tuch. "Komm!" Ich wandte ihr den Rücken zu, als ich mich aufrichtete und aus der Wanne stieg. Sie hüllte mich von hinten in das Tuch, von Kopf bis Fuß, und rieb mich trocken. Dann ließ sie das Tuch zu Boden fallen..... | |