Wer von uns kennt nicht "Emil und die Detektive" oder "Das fliegende Klassenzimmer"? Doch Erich Kästner (1899-1974) hat nicht nur wunderbare Kinderbücher geschrieben. Uns Erwachsene beeindruckt er in starkem Maße durch seine autobiographischen Elemente und seine scharfsinnige Beobachtungsgabe, die auch in seinen zahlreichen Gedichten zu finden sind. In dem Gedichtband "Gesammelte Schriften für Erwachsene" überzeugt er vor allem durch eine gelungene Mischung verschiedener Themen in einer nüchternen und dennoch erfrischenden Sprache. Das folgende Gedicht wurde der Gesamtausgabe von Erich Kästner, erschienen im KNAUR-Verlag, entnommen. Eingesandt hat es unsere Userin Vanessa Schlieber.
Monolog in der Badewanne
Da liegt man nun, so nackt, wie man nur kann,
hat Seife in den Augen, welche stört,
und merkt, aufs Haar genau: Man ist ein Mann.
Mit allem, was dazugehört.
Es scheint, die jungen Mädchen haben recht,
wenn sie - bevor sie die Gewohnheit packt -
der Meinung sind, das männliche Geschlecht
sei kaum im Hemd erträglich. Und gar nackt!
Glücklicherweise steht´s in ihrer Hand,
das, was sie stört, erfolgreich zu verstecken.
So früh am Tag, und schon soviel Verstand!
Genug, mein Herr! Es gilt, sich auszustrecken.
Da liegt man, ohne Portemonnaie und Hemd
und hat am ganzen Leibe keine Taschen.
Ganz ohne Anzug wird der Mensch sich fremd...
Da träumt man nun, anstatt den Hals zu waschen.
Der nackte Mensch kennt keine Klassenfrage.
Man könnte, falls man Tinte hätte, schreiben:
»Ich kündige. Auf meine alten Tage
will ich in meiner Badewanne bleiben.«
Da klingelt es. Das ist die Morgenzeitung.
Und weil man nicht, was nach dem Tod kommt, kennt,
schreibt man am besten in sein Testament:
»Legt mir ins kühle Grab Warmwasserleitung!«