Heute kennt kaum noch jemand den im Jahre 1863 geborenen viktorianischen Maler Herbert James Draper. Zu seinen Lebzeiten jedoch war der anspruchsvolle Portraitmaler sehr beliebt. Nach dem Studium an der Royal Academy of Arts unternahm Draper Reisen nach Paris und Rom und arbeitete nebenbei als Buchillustrator. Einen guten Ruf genoss der englische Maler bis zu seinem Tode im Jahre 1920 vor allem wegen seiner großformatigen Werke zu Themen aus der griechischen Mythologie.
"The Kelpie"
Ölgemälde von Herbert James Draper (1913)
Lady Lever
Art Gallery, Port Sunlight Village
Eines der bekanntesten Bilder von Draper ist das im Jahre 1913 entstandene Ölgemälde "The Kelpie". Ein Kelpie ist ein im britischen Volksglauben auftauchender Wassergeist, der in tiefen Flüssen lebt. Er bietet vorbeikommenden Wanderern an, ihnen bei der Überquerung des Flusses zu helfen, tatsächlich aber reißt er die arglosen Menschen in die Tiefe, um sie dort zu verspeisen. Ursprünglich hatte ein Kelpie die Gestalt eines Pferdes mit Fischschwanz, im 19. Jahrhundert wurde es jedoch üblich, ihn in Frauengestalt darzustellen.
Drapers Kelpie ist weit mehr als eine harmlose Wassernymphe. Sie räkelt sich zwar nackt auf einem Felsen, ihr Blick jedoch schweift aufmerksam über den Fluss, den sie zu bewachen hat. Wenn auch nicht offen bösartig, so schwingt in ihrem Blick doch eine latente Drohung mit – der unbedarfte Wanderer sollte gewarnt sein. Und so erinnert der schöne Wassergeist auch nicht ohne Grund an Darstellungen der "Femme fatale", jenem verführerischen Typ Frau, der schon so manch einen liebestollen Mann ins Unglück gestürzt hat.