"Der Duft der Kaffeeblüte" heißt der Roman von Ana Veloso, dessen Handlung zwischen 1880 und 1890 im damaligen Kaiserreich (!) Brasilien angesiedelt ist. Der Roman spielt im Milieu der Kaffeeplantagenbesitzer, deren Reichtum sich auf Sklavenarbeit stützte. So war denn auch Brasilien das letzte Land, in dem die Sklaverei per Gesetz abgeschafft wurde. Die Hauptfigur León bekämpfte die Sklaverei. Unsere Passage schildert, wie León nach einer langen Schiffsreise
eine Dusche nach brasilianischer Art nahm. Der Roman ist erschienen im Knaur Verlag.
Hinter dem Haus lagen ein Hof und ein kleiner Garten, die seiner alleinigen Nutzung vorbehalten waren. Es
gab dort außerdem eine primitive Dusche, bei der man das Wasser mit einem Hebel heraufpumpen musste. Es gehörte zu Leóns größten
Vergnügen, an heißen Tagen dort draußen, inmitten des Duftes von Jasmin und vom dichten Blätterdach eines Mandelbaums vor den
neugierigen Blicken der Bewohner der oberen Etagen geschützt, das lauwarme Wasser über seine Haut rinnen zu lassen. León warf
seinen Morgenrock auf ein Fenstersims, nahm ein Stück Seife und stellte sich erwartungsvoll unter den Duschkopf. Carlos
(sein Diener, die Red.) pumpte, jeden Augenblick musste das Wasser kommen. Die ersten Tropfen, von der Sonne aufgeheizt,
waren die schönsten!
León nahm sich ausgiebig Zeit für seine Körperpflege, die auf dem ungezieferverseuchten Schiff zu kurz gekommen war. Er pfiff
die Melodie der Marseillaise vor sich hin, schäumte sich von Kopf bis Fuß ein und stand dann lange reglos und mit geschlossenen
Augen unter dem Wasserstrahl. Der Schaum war längst abgespült, und Carlos wunderte sich, was sein Herr nur an dieser Duscherei
finden mochte. Wer stellte sich schon länger als nötig unter laufendes Wasser? Ganz abgesehen davon, dass ihm allmählich der Arm
lahm wurde vom Pumpen...