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Das Bad in der Literatur

Eine ganz bizarre Geschichte um das Bad

Die deutsche Literaturgeschichte hat ihn kaum wahrgenommen. Erschienen ist vom "jecken Schmitz" aus Düsseldorf, nämlich von Hermann Harry Schmitz (1880 - 1913) zu seinen Lebzeiten nur ein Erzählband (bei Rowohlt in Leipzig), posthum 1916 immerhin "Das Buch der Katastrophen", neu aufgelegt 1987 dann im Eulenspiegel-Verlag, wo die Erzählungen drei Neuauflagen erlebten. Schmitz war kein Literat, mehr ein skurriler Fabulierer - seelisch verwandt mit Jaroslav Hasek, der in seinen Erzählungen hahnebüchene Übertreibungen liebte, aber das Bürgertum genauso auf die Schippe nahm, wie "der jecke Schmitz". Eingereicht wurde uns die Erzählung, die wir hier ausnahmsweise in voller Länge abdrucken, von unserem "traumbad.de"-User Herbert J. Schmitz. Die Schaukelbadewanne, von der zum Schluß die Rede ist, war ein Relikt der Jahrhundertwende. Wir haben darüber an anderer Stelle berichtet.

Onkel Willibald will baden

Dem Onkel Willibald hatte ein uralter Schäfer in der Lüneburger Heide gesagt, das Geheimnis des Langlebens sei, sich nie zu waschen. Er selbst sei seines Wissens so ungefähr hundertdreißig Jahre alt und seit hundert Jahren sei kein Wasser an seinen Körper gekommen. Bei einigen alten Bauern in der Eifel fand Onkel Willibald dieselbe Gepflogenheit. Ihr hohes Alter und ihre Rüstigkeit bewiesen, daß sie mit ihrer Theorie nicht so ganz unrecht hatten. Onkel Willibald hatte weiter von einem alten Landstreicher aus dem Thüringischen erzählen hören, der sich auch seit Jahren nicht gewaschen habe, dann aufgegriffen wurde und polizeilicherseits ein Bad verabreicht bekam und, obwohl kerngesund, danach sofort in Siechtum verfiel und starb. Das gab zu denken.

Onkel Willibald war praktischer Philosoph. Er hatte das Prinzip, sein Leben auf der Grundlage persönlicher Erfahrungen einzurichten. Er war stolz, wenn er im Volke so eine schlichte Lebensweisheit fand oder einen nützlichen Brauch; gleich war diese neue Erkenntnis auch für ihn maßgebend und bestimmend. Indessen war die letzte Entdeckung nur so lange sein Evangelium, bis er wieder auf etwas Neues stieß. "Ich bin ein verflixt heller Kopf. Ich halte die Augen offen!", sagte er und warf sich selbstgefällig in die Brust.

Er galt allenthalben als ein Sonderling. Seine Verwandten sagten, er sei verrückt. Mit Möllmanns, seinen nächsten Verwandten, wohnte er im selben Hause. Möllmanns auf der ersten, er auf der zweiten Etage; im Unterhaus war das Kolonialwarengeschäft von Wiehbendülle. Möllmanns sprachen hinter dem Rücken Onkel Willibalds sehr respektlos über ihn. Ihm ins Gesicht waren sie dagegen widerlich devot und hofierten ihn in schmachtvoller Weise. Sie gaben seinen fixen Ideen recht, soweit sie kein Geld kosteten. Onkel Willibald war begütert, und Möllmanns waren die nächsten Erben.

Der Onkel hatte eine eigene Haushaltung, der seine Köchin Amöne vorstand. Amöne war eine Eskimo, die versehentlich nach Deutschland geraten war. Geld zur Rückreise fehlte ihr, sie nahm kurz entschlossen die in der Zeitung ausgeschriebene Stellung bei Onkel Willibald an.

Als er von der Reise zurückkam, auf der er den alten Schäfer und die Eifelbauern getroffen hatte, und als er das mit dem Landstreicher erfuhr, beschloß er, sich von Stund an nicht mehr zu waschen und dem Beispiel dieser Leute zu folgen. Seine Köchin, die er seit Jahren hatte, verließ ihn darauf Knall auf Fall. Andere folgten, aber schon nach wenigen Tagen gingen auch sie wieder. Keine war zu halten. Onkel Willibald war verzweifelt. Da erschien eines Tages Amöne, und die blieb.

Der Onkel begann, nach einiger Zeit sich selbst nicht mehr zu mögen. Es war schon schlimm.

Er reiste eines Tages in die Bretagne und fand dort in dem am Meer gelegenen Dorf Oeuf á la Coque unter den Einwohnern einen außergewöhnlichen Wasserfanatismus. Von früh bis spät lagen diese Leute im Meer. Und zu Hause wurden die Seebäder noch durch Duschen und Abwaschen ergänzt. In Oeuf á la Coque gab es vierzig Einwohner im Alter von hundertundachtzig Jahren, die alle noch radfuhren und Rollschuh liefen. Eine hundertundfünfundsiebzig Jahre alte Frau leistete Erhebliches auf dem Drahtseil. Das gab zu denken.

Onkel Willibalds Grauen vor sich selbst wuchs von Tag zu Tag. Er merkte zu seinem Schrecken, wie er allmählich körperlich und auch geistig verkam. Die Lebensweise des uralten Schäfers war nicht gut für ihn. Die Leute in Oeuf á la Croque wiesen ihm den richtigen Weg. Die kannten das Geheimnis des langen Lebens. Wasser, Wasser war die Parole!

Im Zuge zurück in die Heimat lernte er den berühmten Wasserheilmenschen Knobbe kennen, der ihm sein Buch "Wie ich ein Hüne wurde" schenkte, in dem er sein Wasserheilverfahren überzeugend darlegte und unzählige verblüffende Resultate aufführte. Sofort schrieb Onkel Willibald an die größten Geschäfte für Badeinrichtungen und bat um Prospekte.

An Amöne, die auch eine Anhängerin der Theorie des uralten Schäfers war, nicht aus Überzeugung, sondern aus heimatlicher Überlieferung, wuchs Moos und auf dem verfilzten Kopf nisteten Rotkehlchen.

Onkel Willibald entließ sie. Er bekam eine Abscheu vor ihr und außerdem fehlten ihm zwei Teelöffel.

Die Kataloge kamen in Stößen ins Haus. Natürlich galt es erst zu probieren, ehe man sich zur Anlage einer kostspieligen Einrichtung entschloß. Auch Möllmanns rieten ihm, es vorläufig mal mit einer billigen Sache zu versuchen.

Da gab es die Reisewanne "Plitsche-Platsche" aus Segeltuch. "In fünf Minuten ein erquickendes Bad", "Das Ostende des kleinen Mannes", so wurde diese herrliche Wanne zum Preis von 30 Mark angepriesen. Mit Dusche zwanzig Mark mehr. Mit prima Aluminiumgestell hundert Mark mehr. Eine Kaffeetasse Wasser genügt zum erfrischenden Vollbad!

Onkel Willibald ließ sich eine "Plitsche-Platsche"-Reisewanne, das Ostende des kleinen Mannes, mit Dusche und Dampfbadeinrichtung kommen. Als die Kiste glücklich ausgepackt war, lag vor ihm ein Stück Segeltuch, ein Bündel Stangen, ein kleines Öfchen, eine Schachtel mit Schrauben, Muttern und komischen Dingen und ein Gießkannenausfluß. Eine Gebrauchsanweisung war beigefügt. Zwei Wochen quälte sich Onkel Willibald Tag und Nacht mit den Stangen und dem Öfchen ab, ohne seine Badeeinrichtung zusammenzubekommen. Die Schrauben hatte er bereits verloren. Die Muttern waren unter die Möbel gerollt. Immer wieder vertiefte er sich in die Gebrauchsanweisung; er bekam es aber nicht zusammen.

Bis er eines Abends endlich glaubte, das Problem gelöst zu haben. In dem, was er aufgebaut hatte, konnte man schon baden.

Schnell Wasser herbei. Das Öfchen angesteckt. Den Hahn geöffnet - das köstliche Bad war fertig. Onkel Willibald dehnte und streckte sich, grunzend vor Behagen. Er merkte dabei nicht, wie sich die mit Gummi verklebten Nähte der Segeltuchwanne lösten. Jetzt eine Dusche! Er zog an der Schnur. Die Dusche funktionierte nicht. Er zog stärker. Räng, päng! Das Gestell brach zusammen. Die Nähte des Segeltuchs waren jetzt völlig aufgeweicht. Aus der Wanne war ein flaches Tuch geworden. Onkel Willibald rang mit dem Stangengewirr, glitschte auf dem nassen Segeltuch aus, kam zu Fall und wälzte sich hilflos am Boden. Mit dem linken Bein geriet der Unglückliche in den brennenden Ofen und schwenkte diesen strampelnd in der Luft. Das ausgelaufene Wasser stand im Zimmer, wurde aber bald von den Dielenritzen eingesogen.

Bums, bums! Schauerlich klang es durchs Haus. Möllmanns, die unter Onkel Willibalds Baderaum ihr Schlafzimmer hatten, war ein großes Stück Zimmerdecke ins Bett gefallen, gefolgt von einem Guß Wasser.

Das war ein Spektakel im Hause! Mit einem Gipskranz von der Deckenverzierung um den Hals, stürzte Vater Möllmann im Nachthemd, gefolgt von Weib und Kind, nach oben. Das undefinierbare Gewirr am Boden, vom Mond beleuchtet, machte Möllmann graulen. Mit Schwierigkeit erkannte man erst nach einer Weile den Onkel als den Kern des Gewirrs. Er schrie plötzlich auch für das rechte Bein nach dem Ofen, da er daran friere.

Trotz dieses Ungemachs ließ der Onkel seine Bademanie nicht fallen. Mit "Pitsche-Patsche" war es nichts. Man sollte an so etwas nicht sparen. Er verschenkte die Bruchstücke des transportablen Bades an einen blinden Indianer. Jetzt wollte er eine ordentliche Badeinrichtung haben, die was kosten durfte. Für Unsummen legte er sich die patentierte, häufig preisgekrönte Badeeinrichtung "Atlantic" mit Emaillewanne, Gasofen und allen Schikanen der modernen Technik zu.

Auch die so ungemein hygienische Wellenbadschaukel "Meerersatz" und die patentierte Sitzwanne "Karl der Große" waren mitgeliefert worden. Fränze, die neue Köchin, hatte in dem Baderaum die eingemachten Gurken in Gläsern stehen. Sie war sehr sittenstreng. Sie deckte über die Gurkengläser Tücher, damit sich die unschuldigen Gurken im Bade an Onkel Willibald nicht versahen.

Onkel Willibald hatte nicht gern Handwerker im Hause. Er bat seinen Freund Philipp Motternich, der früher bei der Eisenbahn war und für alles eine geschickte Hand hatte, ihm bei dem Aufbau der Badeinrichtung zu helfen.

Acht Tage lang quälten sich die beiden von früh bis spät an der Montierug des Bades. Sie gerieten schon gleich zu Anfang in Streit, da jeder alles besser wissen wollte, als der andere. Dann sengte mit der Lötlampe aus Versehen Onkel Willibald beim Anschluß des Wasserleitungsrohres Philipps halben Bart ab. Es kostete Willibald Mühe, seinen wütenden Freund, der behauptete, Willibald habe das absichtlich getan, zu beruhigen. Als Willibald nun noch beim Einschlagen eines Hakens mit dem Hammer Philipps Daumen traf, wurde es Philipp zu viel, und er verließ in der feindlichsten Stimmung den Onkel.

Onkel Willibald besah sich, was sie bisher installiert hatten und kam zur Überzeugung, daß alles wohlgerichtet und sein Bad nun gebrauchsfertig sei. Eine genaue Anweisung über die Inbetriebnahme war am Ofen angebracht.

So, hier war der Gashahn a. Der mußte geöffnet werden. Da war der Gashahn b, und dann gab es noch den Hauptgasabsperrhahn c. Von diesen beiden Hähnen stand nichts auf der Gebrauchsvorschrift, ob sie zu schließen oder zu öffnen waren. Der Hahn d sollte nach der Anweisung unbedingt offen bleiben, während der Hahn f unter allen Umständen geschlossen werden mußte. Die Ventile g und m mußten im Auge behalten werden. Das war sehr wichtig. Der Brenner k, ein schreckliches Röhrenwirrwarr mit vielen kleinen Löchern, sollte in der Pfeilrichtung gedreht werden. Das alles und noch mehr stand auf der Instruktion, die Onkel Willibald immer und immer wieder las. Er wurde durch die Unmenge von Hähnen und Ventilen völlig verwirrt. Er hantierte, hin und her hüpfend, an dem Badeofen. Er erinnerte an einen Musikclown, der sich an einem Gestell mit Glocken produzierte. Welchen Hahn und welches Ventil er auch berührte, immer wurde die Dusche in Tätigkeit gesetzt und er meuchlings von einem kalten Guß getroffen. Die Dusche reagierte auf alle Hähne. Es gelang ihm endlich, die Dusche abzustellen.

Er zog den Brenner heraus, öffnete die Gashähne und hielt ein brennendes Streichholz so lange an die kleinen Löcher, bis ihm das verglimmende Streichholz die Fingerspitzen verbrannte. Der Brenner trug seinen Namen zu Unrecht, er brannte nicht. Hätte er doch Philipp nicht auf den Daumen geschlagen. Der hätte die Sache in Ordnung gebracht, ärgerte sich jetzt Onkel Willibald. Plötzlich kam ihm die schreckliche Erkenntnis, daß der Ofen überhaupt nicht an eine Gasleitung angeschlossen war. Eine derartige Leitung lag nicht im Hause.

"Dieser Philipp, dieser Nichtswisser! Das hätte er doch wissen müssen", schnaubte Onkel Willibald.

Was war zu machen? Gebadet mußte jetzt werden. Gut, er badete kalt. Das war noch viel gesünder als ein warmes Bad. Gewiß, viel abhärtender. Knobbe schrieb auch kalte Bäder vor. Die Gasleitung konnte man gelegentlich für alle Fälle anlegen lassen.

Er öffnete den Hauptwasserhahn der Wanne. Plätscher, plätscher, ging es munter in die Wanne. Es konnte eine Weile dauern, bis die Wanne gefüllt war.

Vielleicht vor dem Vollbad noch ein Wellenbad im "Meerersatz"! Gesagt, getan. Das Wellenbad war schnell gefüllt. Plätscher, plätscher - lustig sprudelte es aus dem Wasserhahn in die Wanne.

Der Onkel nahm ein Wellenbad. Hei, war das fein und köstlich! Feste, feste, dachte der Onkel, je stärker der Wellenschlag, desto heilsamer.

Plätscher, plätscher - die Wanne war mittlerweile fast vollgelaufen. Im Sicherheitsablauf steckte ein Zigarrenstummel.

Die Wellenschaukel stand schon einige Male auf der Kippe. Den Onkel packte ein wilder Taumel.

Dann war es geschehen. Die Wanne kippte um, und Willibald lag darunter, eingeklemmt von den Seitenwänden. Wie eine Schildkröte kroch er ächzend durchs Zimmer. Alles Abmühen und Strampeln hatte keinen Erfolg. Er kam nicht los. Plätscher, plätscher - die Badewanne lief jetzt über; das Wasser stand fußhoch im Zimmer.

Der Onkel stieß die Tür ein. Er mußte zu Menschen, die ihm helfen konnten. Allein konnte er sich nicht befreien.

Er kroch die Treppe hinunter mit großen Schwierigkeiten. Grauen und Entsetzen packte die Leute bei seinem Anblick. "Ein Untier naht, eine Riesenschildkröte! Flieht, rettet euch!" Alles floh in wilder Panik.

"Plätscher, plätscher - die zweite und erste Etage stürzten ein. Der bekannte Löwenjäger Fürchtegott Pöhzlapp selbst wagte nicht, dem Untier entgegenzutreten.

Plätscher, plätscher - das Haus fiel zusammen. Plätscher, plätscher - die ganze Stadt ertrank.

Onkel Willibald strandete auf einem hohen Berg. Er war mittlerweile abgemagert und fand sich eines Tages von der Wanne befreit. Er tat einen heiligen Schwur, nie wieder zu baden.
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Betty hat sich mit ihrem Lebensgefährten Max wieder versöhnt, nachdem er ihr hoch und heilig versichert hat, nie mehr im Bad seine Zehennägel zu schneiden und die hornigen Reste auf dem Badteppich zu verteilen. Betty hat sogar akzeptiert, dass er ein Buch mit ins Badezimmer nimmt – ein duftendes Buch der besonderen Art. Wozu braucht Max ein Buch mit duftenden Seiten? … Doch lesen Sie selbst …
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 23.05.2012
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