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Das Bad in der Literatur

Als sich Lale Andersen aus dem Bad des reichen Herrn Widmer stahl

Lale Andersen wurde durch das sentimentale, in über 80 Sprachen übersetzte Lied von "Lili Marleen" (Vor der Kaserne, vor dem großen Tor...) berühmt. Als junge Chansonette war sie 1933 in Zurich engagiert und ein steinreicher Herr Widmer machte ihr den Hof und lud sie und ihre Künstlerfreundin Valeska für drei Wochen in seine Villa am See. Die beiden Damen bewohnten zunächst ein Doppelzimmer, bis es dem Herrn Carlo Widmer in den Sinn kam, Valeska aus- und sich selbst einzuquartieren. Jedenfalls fand sie eines Tages Herrn Widmers Anzüge und Toilettensachen in ihrem Doppelzimmer wieder, während die Sachen ihrer Freundin weggeräumt waren. Lesen Sie, was Lale Andersen in ihrem Buch "Leben mit einem Lied" (Deutsche Verlags-Anstalt 1972) über das Ereignis schreibt:

Nach Selbstbewußtsein und Yardley-Lavendel duftend, kam er in seinem rohseidenen Pyjama aus dem Badezimmer zurück. Ließ die Tür geöffnet und fand es sicher sehr witzig, als er, sich verbeugend, in servilem Ton sagte: "Edle Tragödin, die Pferde sind gesattelt." Ich quälte mir ein kleines Lächeln ab, griff nach meiner Handtasche und dem Päckchen, das das Nachthemd enthielt und verschwand im Bad. Obwohl ich mir an diesem Abend für die Dusche, das Abfrottieren, die Pediküre und das Zähneputzen mehr Zeit ließ, als ich sonst eine ganze Woche hindurch für diese Dinge verschwendete - mehr als eine Stunde Aufschub ließ sich nicht herausholen. Ich zog das Nachthemd an und setzte mich auf den Badehocker. Zehn Minuten hindurch wartete ich geduldig auf ein Erdbeben. Auch ein Gewitter mit einem Volltrefferblitz in Herrn Widmers Bett wäre mir recht gewesen. Nichts - der Himmel schien mich vergessen zu haben. Seufzend öffnete ich die Tür zum Schlafzimmer. Herr Widmer saß in einem Doppelbett und hatte ein Glas Champagner in der Hand... ... Er zog mich ins Bett und füllte mir ein Glas Champagner. Ich stürzte es in einem Zug hinunter. "So, nun führ das mal ein", sagte Herr Widmer, "damit es keine kleinen Eskimos* gibt." Ich nahm resigniert die Packung, die er mir hinhielt, und schob eine der grünen Gummibohnen* in den Mund. Herr Widmer griff so unbeherrscht nach der Schachtel, dass der Inhalt herausfiel und unter das Bett kollerte. Dunkelrot vor Wut fuhr er mich an: "Doch nicht oben, potzsternechaib! Unten, unten! Gottfristutz, das ist ja noch schlimmer, als Frau Winkelmann mir's angedeutet hat!" "Glauben sie vielleicht für mich nicht?! brüllte ich zurück und fühlte, wie der Zorn mir Kraft und Hoffnung zurückgab. Ich rannte ins Bad, spuckte das Zeug aus, spülte nach und fühlte mich plötzlich stark genug, auch auf Herrn Widmer und seine Millionen zu spucken. Das Nachthemd flog in die Ecke, ich stieg in meine Kleider, griff nach Handtasche und Koffer, schlich durch das Zimmer von Valeska, die, wie ich an ihrem leichten Schnarchen hörte, fest schlief, und rannte auf die Straße ...

* = Lale Andersen wurde in der Schweiz auch "Eskimo" genannt, weil sie von der deutschen Küste stammte - für Schweizer offenbar kurz vor Grönland liegend. Bei der Gummibohne handelte es sich um einen Pessar, dessen Gebrauch der Künstlerin damals unbekannt war.
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