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Das Bad in der Literatur
Nachkriegs-Luxus: Eine Sitzbadewanne aus Zink |
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Die Schauspielerin und Kabarettistin Ursula Herking teilte sich 1946 in München mit ihrer Freundin Hilli und anderen Schauspielern eine Wohnung. In ihren 1970 erschienenen Erinnerungen schilderte sie anschaulich und heiter, wie sie sich in den Besitz einer Sitzbadewanne brachte. Auf seine Art ist dieses Kapitel ein Zeitdokument, das wir deshalb in voller Länge wiedergeben:
In der Reitmorstraße versuchte nun ein jeder von uns, wohl zum erstenmal nach dem Krieg, sich mit Elan wieder im bürgerlichen Leben zurechtzufinden. Schließlich war es ja nicht so, daß - simsalabim - gleich wieder warmes Wasser in die Wanne floß. Auch wenn es dreist geflossen wäre - man hätte das Badezimmer nur unter Lebensgefahr betreten können, denn Hilli hatte mal wieder eine ihrer großen Ideen. Sie wollte, um uns allen zu helfen - Hilli war sehr altruistisch -, eine kleine Schnapsbrennerei einrichten und den Schnaps verkaufen. Zu diesem Zweck stand im Badezimmer eine Riesenglaskugel, die mit undefinierbarem Zeug gefüllt war. Soweit ich mich erinnere, wurde daraus in der Tat eine Art Schnaps.
Zum Verkauf kam es allerdings nie, weil Hilli unbändig stolz auf das Ergebnis, ihn sofort anmutig der versammelten Dichtermusikerregisseurschauspielerrunde kredenzte. Wir haben ihn auch getrunken. Keiner hat sich vergiftet. Wir Mitbewohner hatten inzwischen gelernt, uns um die Glaskugel herumzuschlängeln; so konnten wir ab und zu wenigstens im kalten Wasser baden. Das soll ja sehr gesund sein.
Eines Tages aber sagte Hilli: "Du, meine Eltern haben in Pullach noch eine Sitzbadewanne. Wollen wir die nicht holen?" - "Klar" sagte ich, "wir holen die Sitzbadewanne". Wir fuhren mit der Straßenbahn, wir stiegen dreimal um. Wir fuhren mit der Vorortbahn, wir kamen, so nach einem halben Tag, in Pullach an. Die Eltern waren glücklich, daß sich das "Kind" mal sehen ließ und auch eine Freundin mitbrachte. Hilli verstand es sehr geschickt, das Gespräch auf Hygiene, auf baden im allgemeinen (in Pullach gab es schon gelegentlich heißes Wasser), ja sogar auf gräßliche Hautkrankheiten als Folge zu seltenen Badens in heißem Wasser zu lenken - sie erfand geradezu haarsträubende Beispiele. Ihre Eltern drängten uns die Sitzbadewanne geradezu auf.
Gegen fünf Uhr nachmittags zogen wir beglückt mit dem unförmigen Einrichtungsgegenstand ab. In den Vorortzug paßte sie noch hinein, obschon es leichte Komplikationen gab - "du mußt sie mehr kippen, nicht der Breite, der Länge nach". Die überfüllte Straßenbahn mußten wir an uns vorbeifahren lassen. Als die Leute uns mit der Sitzbadewanne sahen, die jede von uns wie einen überdimensionalen Korb mit beiden Händen halten mußten, tippten sie sich schweigend an die Stirn. Auch der Schaffner hatte kein Mitleid. So liefen wir mit unserer Neuerwerbung von Haltestelle zu Haltestelle. Hilli, die sehr zierlich ist, sagte schon ganz entmutigt: "Wollen wir das Ding nicht einfach stehenlassen?". "Nee" sagte ich, "du kannst doch eine Sitzbadewanne nicht einfach auf der Straße stehenlassen, und außerdem - wie willst du denn das deinen Eltern gegenüber verantworten, die sich bestimmt nur mit Schmerzen von ihr getrennt haben?". Also wuchteten wir weiter. Endlich, es war so gegen neun Uhr abends, um zehn war Ausgangssperre, und hätte man uns dann erwischt, wären wir samt oder auch ohne Sitzbadewanne für die Nacht ins Kittchen gekommen, endlich kam eine fast leere Straßenbahn. Der Schaffner, war nett und half uns. Wir standen, das schwankende Hygienemöbel zwischen uns, auf dem Peron. Zehn Minuten vor zehn Uhr waren wir zu Hause angelangt, nachdem wir sie auch noch die vier Treppen hinaufgestemmt hatten.
Alle Freunde waren bereits im großen Zimmer versammelt; es war ja das einzige, das geheizt werden konnte. Nicki saß am Klavier. Neue Texte wurden besprochen. Der Einzug der Sitzbadewanne in den "Salon" wurde verhältnismäßig gleichgültig aufgenommen. Wir stellten einen Paravent vor den Kanonenofen. Wir holten einen großen, mit Wasser gefüllten Kessel und setzten ihn auf. Wir sagten: "Wenn das Wasser heiß ist, werden wir baden deswegen braucht ihr nicht zu gehen." Auch das wurde mit Gleichmut hingenommen. Als das Wasser heiß war, ließ Hilli mir liebenswürdigerweise den Vortritt. Ich durfte zuerst, dann kam Hilli in meinem Wasser dran. Und während vor dem Paravent Pläne, Proben und Programme besprochen wurden und auch ich, im Gefühl blitzender Sauberkeit, meinen Senf dazugab, sang Hilli hinter dem Paravent: "Laß mich dein Badewasser schlürfen, laß mich dich abfrottieren dürfen." Bis dann endlich auch aus dem Hahn heißes Wasser lief und die Glaskugel aus dem Badezimmer verschwunden war, wechselten wir uns zweimal in der Woche ab. Erst sie, dann ich. Erst ich, dann sie.
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Betty hat sich mit ihrem Lebensgefährten Max wieder versöhnt, nachdem er ihr hoch und heilig versichert hat, nie mehr im Bad seine Zehennägel zu schneiden und die hornigen Reste auf dem Badteppich zu verteilen. Betty hat sogar akzeptiert, dass er ein Buch mit ins Badezimmer nimmt – ein duftendes Buch der besonderen Art. Wozu braucht Max ein Buch mit duftenden Seiten? … Doch lesen Sie selbst …
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