Romancier Ernst von Salomon zeigte mit dem Roman "Die schöne Wilhelmine" beispielhaft auf, wie man historische Themen literarisch anspruchsvoll behandeln kann. Nachfolger Friedrich des Großen wurde dessen Neffe Friedrich Wilhelm II (1786 - 1797). Der war als Prinz hager und unsicher. Die Unsicherheit behielt er, die Hagerkeit verlor er dank seiner offiziellen Staatsmätresse Wilhelmine Encke, spätere Gräfin Lichtenau. Die kesse Tochter eines Berliner Hornisten und Kneipenbesitzers wurde sogar von dem geizigen Friedrich dem Großen akzeptiert, weil er schnell verstand, daß der entscheidungsschwache "dicke Wilhelm" eine ebenso liebevolle wie starke Hand brauchte - eben die der Wilhelmine. Die nachfolgende Textpassage hat unser Mitarbeiter Wolfram Dübbel eingereicht. Sie schildert, wie Wilhelmine ihren Prinzen zum erstenmal in ihrem neuen Landhaus am Lietzensee willkommen heißt ...und diesen mit einer Badewanne vertraut macht.
Wilhelmine führte den Geliebten an der Hand in das Haus. Sie ging schnell und ohne etwas zu sagen mit ihm durch die wenigen und kleinen, nun aber wohlausgestatteten Wohnräume, sozusagen schnurstracks auf das Spiegelzimmer zu.
Der Prinz sah sich überrascht um. Spiegel an den Wänden und an der Decke, schöne Spiegel, blanke Spiegel, geschliffene Spiegel aller Arten, kunstvoll ineinandergefügt, so daß sich jeder Gegenstand tausendfach wiederholte.
Aber kein Möbelstück war im Spiegelzimmer außer einem großen, geschwungenen, hölzernen Bottich voll heißen Wassers.
Die galante Zeit kannte alles, was an exquisiten Genüssen dem kultivierten Menschen ausdenkbar war. Aber die Badewanne kannte dieses Zeitalter nicht.
In Paris wie in Berlin wuschen sich die Leute in winzigen Schüsselchen, es genügte auch wohl, sich mit Wattebäuschen zu betupfen, die in duftende Wässerchen getaucht waren. Man salbte sich, man rieb die Haut mit Gelees ein.
Wilhelmine weihte den Prinzen in die Mysterien des Badens ein, die schon seit so vielen Jahren vergessen waren. Die Bauern mochten sie noch in Bach und See üben, weil die Arbeit sie schmutzig machte. In manchen Städten der Schweiz gab es Badehäuser, in denen nackte Nymphen den Gästen zur Verfügung standen; Casanova hatte davon erzählt, aber was er erzählte, konnte man in den besten Kreisen nur gedämpft und mit Augenzwinkern wiederholen.
Der Prinz wälzte sich, nackt und fett und grunzend wie ein Seehund, in dem Bottich, er prustete, er schnob, er sprudelte. Und Wilhelmine, nackt und rosig, schlank und glatt wie ein Aal, schlängelte sich durch die Bütte, umspielte den Seehund, wälzte ihn hin und her, schrubbte ihm den Rücken, das hochgratige Gebirg, walkte und knetete ihn, zwickte ihn und zwackte ihn und pritschelte die Brandung gegen die schaumige Küste - o vollendete Lust der umspülten Inseln, der krummrückigen Schenkel und Knie, des Vulkans ihrer Brust, auftauchend aus wildbewegter See - Wasser und Erde, mein Prinz, Wasser und Erde! Sie tauchten sich, sie niesten unter Wasser, sie blubberten Blasen hoch, sie prusteten Fontänen und Geysire, sie sangen lange und grausige Lieder.
Schwarze Hexenkunst und Zauberei!
Und dann die selige Ruhe, das ölige Dämmern, das Quellen der Haut, die Weiche der Muskeln, die träge dahingleitenden Träume im Nebel der Auflösung - sie erhoben sich langsam, dehnten sich, bedienten sich, auskostend jede Bewegung, sie atmeten frei, sie waren sauber. Sie versprachen sich, dies Geheimnis zu bewahren, niemand durfte von den großen Wonnen wissen, die sie erfahren hatten, von den ungeahnten Genüssen der Wasserspiele, die sonst keiner kannte, weit und breit keiner, nur sie allein. | |